Musik / Backstage

"Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles zu viel wird"

präsentiert sich mit "Electric Light" als ganz neuer Typ

Drei Jahre ist es her, dass James Bay mit seinem Debütalbum "Chaos And The Calm" den Durchbruch schaffte: Über 3,5 Millionen Mal hat die Platte sich verkauft. Der 27-Jährige erntete dafür zahlreiche Preise, durfte zusammen mit Epiphone eine eigene Signature-Gitarre auf den Markt bringen und für die britische Modemarke Topman eine Kollektion entwerfen. Für sein zweites Album "Electric Light" unterzog Bay sich nun einer Rundumerneuerung: Seinen zum Markenzeichen gewordenen Hut hat er abgelegt, und auch die langen Haare ließ er sich abschneiden - ein Sinnbild für seine musikalische Weiterentwicklung. Gitarren-Rock à la The Strokes, frische Beats und Synthesizer-Sounds treffen auf der neuen Platte auf Gospel-Chöre und Spoken-Word-Passagen. Im Interview verrät der Engländer, warum das Album ein Plädoyer für mehr Zusammenhalt ist - und was er tut, wenn ihm alles zu viel wird.

teleschau: Frauen unterstellt man gerne, dass sich hinter einer neuen Frisur eine große Krise im Leben verbirgt. Gilt das auch für Ihren neuen Haarschnitt?

James Bay: (Lacht) Nicht wirklich. Meine musikalische Entwicklung hat mich dazu inspiriert, zum Friseur zu gehen. Bei meinem ersten Album war ich der Typ mit der Gitarre und dem Hut. Es hat Spaß gemacht, mich diesem Look für eine Zeit zu verschreiben - aber zu meinen neuen Songs passte er einfach nicht mehr.

teleschau: Tatsächlich klingt "Electric Light" deutlich vielseitiger als Ihr Debüt. Wollten Sie beweisen, dass Sie mehr draufhaben als intime Akustikballaden?

Bay: Als Künstler bin ich stets darum bemüht, neue Sounds zu erforschen. Die intimen Songwriter-Balladen sind ein großer Teil dessen, was ich mache, und auch auf meinem neuen Album gibt es solche Songs. Doch es steckt mehr in mir. Zum Beispiel habe ich bisher nicht mit Keyboards, Synthesizern und programmierter Musik gearbeitet, aber ich liebe diese Sounds. Es hat großen Spaß gemacht, damit zu experimentieren.

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teleschau: Welchen der neuen Songs hätten Sie sich vor drei Jahren am wenigsten zugetraut?

Bay: Vermutlich "Wild Love". Musikalisch markiert das Stück den größten Aufbruch. Vor ein paar Jahren hätte ich nicht das Selbstvertrauen gehabt, so einen Song aufzunehmen.

teleschau: Ist Ihr gesteigertes Selbstbewusstsein auch darauf zurückzuführen, dass sich Ihr erstes Album bisher schon 3,5 Millionen Mal verkaufte?

Bay: Absolut. Sowohl als Künstler als auch im Alltag habe ich weniger Angst. Es ist zwar gesund, eine gewisse Angst zu haben, zum Beispiel, bevor man auf die Bühne geht. Das zeigt, dass es einem wichtig ist. Aber ich bin durch den Erfolg definitiv selbstbewusster geworden.

teleschau: Mit dem Gitarren-Hersteller Epiphone haben Sie letztes Jahr ein eigenes Signature-Modell auf den Markt gebracht. Eine Art Ritterschlag für jeden Gitarristen, oder?

Bay: Mein 15-jähriges Ich ist sehr glücklich darüber! Davon hätte ich damals nur träumen können, und es war eine Ehre, diese Möglichkeit zu bekommen. Das Modell ist der Epiphone Century von 1966 nachempfunden, die ich spiele. Epiphone hat vor 30 oder 40 Jahren aufgehört, diese Gitarre zu bauen, aber als sie sahen, dass ich ständig damit spiele, entstand die Idee, sie neu aufzulegen.

teleschau: Welche Geschichte hat Ihre Gitarre?

Bay: Ich habe sie in einem Laden namens Matt Umanov Guitars in der Bleecker Street in New York gekauft. Ich war damals in der Stadt, um zum ersten Mal meine Plattenfirma zu treffen, noch bevor ich den Vertrag unterschrieb. Sie hat mich also die ganze Zeit begleitet - ein paar aufregende Jahre. Leider hat der Laden Ende letzten Jahres zugemacht. Das ist echt schade, denn ich kehrte jedes Mal dorthin zurück, wenn ich in New York war ...

teleschau: Neben Epiphone haben Sie auch mit der Modemarke Topman gearbeitet und eine eigene Kollektion entwickelt. Wie kam es dazu?

Bay: Topman hatte mich schon vor einer ganzen Weile gefragt, aber erst nach dem Ende meiner Tour hatte ich die Zeit, mich dem zu verpflichten. Das Coole ist: Als ich 15 war, war Topman der ersten Laden, in dem ich Klamotten fand, die in meinen Augen cool waren. Die Zusammenarbeit war sehr inspirierend und kreativ: Über ein halbes Jahr habe ich mich regelmäßig mit ihnen getroffen und die Ideen, die ich im Kopf hatte, auf Papier gebracht. Ich habe diese Klamotten wirklich selbst entworfen.

teleschau: Wie wichtig sind Mode und Stil für Sie?

Bay: Diese Dinge sind für mich definitiv wichtig, weil sie die Entwicklung widerspiegeln, die ich bei meinem neuen Album durchgemacht habe, aber sie machen mir einfach auch Spaß. Popmusik und Mode gingen schon immer Hand in Hand, und es gibt eine Menge Künstler, die ihren Stil regelmäßig verändert haben. Aber in erster Linie geht es mir natürlich um die Musik.

teleschau: Ihr neues Album wird von einem Intro, einem Interlude und einem Gedicht, mit dem der letzte Song endet, zusammengehalten. Warum diese Klammer?

Bay: Ich mag es, wenn die Songs ein Gesamtkunstwerk ergeben. Genau das wollte ich erreichen. Das große Thema des Albums ist Zusammenhalt. Die Spoken-Word-Passagen sollen die Erzählungen in den einzelnen Songs verbinden. Man hört Momente zwischen einem Paar, das nicht mehr richtig miteinander klarkommt, aber auch nicht voneinander lassen kann. Sie sind irgendwie gefangen, und ihre Beziehung hängt am seidenen Faden.

teleschau: Haben Sie das Gefühl, dass Zusammenhalt in unserer heutigen Zeit zu kurz kommt?

Bay: Manchmal schon. Ich persönlich erlebte in den letzten Jahren einen starken Zusammenhalt - aber ich bereise die Welt ja auf sehr ungewöhnliche Weise. Ich lebe in einem Bus mit einer Gruppe Menschen, die wie meine Familie sind. Die Nächte verbringe ich damit, in Clubs zu spielen, vor einem immer größer werdenden Publikum, dass jeden Song mitsingt. Auch da ist das Gefühl des Zusammenhalts sehr stark. Aber dann kam ich nach der Tour zurück nach Hause, in die richtige Welt ...

teleschau: In die Welt von Brexit und Trump.

Bay: Ja, die echte Welt ist leider die, die zählt, und sie fühlte sich viel trauriger an. Die Menschen sind gerade sehr gespalten. Der Kontrast zwischen der realen Welt und meiner Wahrnehmung auf Tour waren der Grund, warum die Songs in dieser Weise entstanden.

teleschau: Was bereitet Ihnen in der echten Welt am meisten Sorgen?

Bay: Genau die eben genannten Dinge. Der Grad an Frustration und die zunehmenden Gefechte. Und die Distanz zwischen den Menschen, auch durch Fernsehen und Handys. Das spaltet uns, und wir erkennen es nicht. Ich bin da genauso schuldig wie alle anderen, ich versinke auch gerne hinter meinem Gadget, statt jemandem in die Augen zu gucken.

teleschau: Trotzdem erklären Sie in dem Stück "Us": "I believe in us".

Bay: Das tue ich auch! Wir alle müssen es tun. Die Bitte "tell me how to live in this world" formuliere ich in dem Song mit dem Gedanken, dass wir sehr wohl miteinander klarkommen können. Die Hälfte der Zeit gelingt es uns ja schon. Schön wäre, wenn es immer klappen würde. Wahrscheinlich ist das nicht möglich, aber ich versuche, etwas Licht und Hoffnung zu verbreiten.

teleschau: In "Pink Lemonade" derweil geht es darum, einfach abhauen zu wollen. Wann ging es Ihnen zuletzt so?

Bay: Ich glaube, das kommt öfter vor, als einem klar ist. Ich lebe in einer großen hektischen Stadt, aber ich bin auf dem Land groß geworden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles zu viel wird ...

teleschau: Wohin zieht es Sie dann?

Bay: Ich verlasse die Stadt und versuche, einen ruhigen Ort zu finden. Meine Arbeit ist kreativ, aber manchmal muss ich genau dem entkommen. Fußball spielen ist super. Ich glaube, es geht darum, etwas zu machen, das das komplette Gegenteil vom eigentlichen Job ist. Es hilft aber auch, einfach mit einem anderen Menschen zu reden. Etwas, das wir manchmal vergessen. Einfach mal einen Freund anrufen oder sich treffen!

Nadine Wenzlick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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