Programm / Radio Berg am Nachmittag

Merkel-Verzicht "Sinnvolle Entscheidung, jetzt geht es um den Übergang."

Früher war er "die Kuh im Stall, die ständig quer steht". Seit 2017 ist CDU-Politiker Wolfgang Bosbach nicht mehr für den Rheinisch-Bergischen Kreis im Bundestag und redet - wie früher - frei von der Leber weg. Im Radio Berg Interview spricht er über Merkels Verzicht auf den Parteivorsitz, Neuwahlen und erklärt, wieso er nicht der Claudio Pizarro der Politik ist.


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"Da haben wir ja einiges zu besprechen", sagt Bosbach gut gelaunt, als er unseren Sender betritt. Kurz zuvor ist öffentlich geworden, dass Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel beim CDU-Parteitag im Dezember nicht wieder als CDU-Vorsitzende antreten wird. Dass die jetzige Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer für den CDU-Vorsitz kandidieren wird, ist da noch nicht klar.

 

 

Basti Wirtz: Die Kanzlerin hat immer gesagt: Der Regierungschef muss auch immer Vorsitzender der eigenen Partei sein. Jetzt tritt sie offenbar im Dezember nicht mehr als Vorsitzende an. Ist das für Sie ein Schock oder keine Überraschung? 

 

Wolfgang Bosbach: Das ist schon eine Überraschung, weil ich selbst auch der Meinung bin, beide Ämter gehören in eine Hand. Allerdings, bei der Lage, in der sich die Union gerade begfindet, müssen wir jetzt zwei Ziele haben. Das eine ist: eine irritierte, in Teilen sogar demoralisierte Partei wieder aufrichten. Und: Irritierte und enttäuschte Stammwähler wieder zurückgewinnen. Gerade Hessen hat ja gezeigt: Wir verlieren in einem enormen Umfang Wählerinnen und Wähler an verschiedene Seiten. Fast 100.000 an die Grünen, fast 100.000 an die AfD. Wir haben im nächsten Frühjahr die Europawahl. Wir haben Landtagswahlen in den neuen Bundesländern. Und der Aderlass kann nicht so weitergehen, wenn wir Volkspartei bleiben wollen.

 

Basti Wirtz: Ist das eigentlich für Sie jetzt der Anfang vom Ende von Merkels Kanzlerschaft? Oder um es in Angela Merkels Worten zu sagen: War ihre Entscheidung, den Vorsitz abzugebgen, alternativlos?

 

Wolfgang Bosbach: Alternativlos nicht. Aber bei der Betrachtung der Gesamtlage war es für sie eine sicher schwierige, aber auch sinnvolle Entscheidung. Und sie wird auch wohl selber wissen, dass es ihre letzte Wahlperiode als Kanzlerin ist. Und jetzt geht es um die Moderation des Überganges, sowohl in der Partei als auch an der Spitze der Regierung.  

 

Basti Wirtz: Jetzt haben Sie gerade gesagt, das ist in ihren Augen die letzte Kanzlerschaft von Angela Merkel. Glauben Sie eigentlich, dass sie bis zur nächsten Bundestagswahl Kanzlerin ist?

 

Wolfgang Bosbach: Stand jetzt glaube ich daran. Und zwar aus einem einleuchtenden Grund: Wenn es jetzt einen Wechsel gäbe, glaube ich nicht, dass die SPD nahtlos weitermachen würde. Dann gäbe es Neuwahlen. Welches Interesse sollte die SPD daran haben, mit einer neuen Kanzlerin, einem neuen Kanzler, der aus dem Amt heraus kandidieren würde, in die nächste Bundestagswahl zu gehen? Alle drei Parteien haben kein Interesse an Neuwahlen. Denn, Stand heute wäre das Ergebnis ja noch trauriger für die Koalitionäre als es vor einem Jahr schon war.

 

Basti Wirtz: Als ein Kandidat für die Nachfolge von Parteichefin Merkel wurde Friedrich Merz ins Spiel gebracht.

 

Wolfgang Bosbach: Er hat eine enorme politische Erfahrung, national und international, guter Ordnungspolitiker, glänzender Rhetoriker. Also ihm traue ich es wirklich zu, einer Partei, die doch in weiten Teilen verunsichert ist, wieder neuen Optimismus einzuhauchen. 

 

Basti Wirtz: Wie oft haben sie eigentlich in den letzten Monaten zu ihrer Frau oder zu ihren Freunden wie Herrn Becker gesagt: "Poah bin ich froh, dass ich den ganzen Driss nicht mehr mitmachen muss."?

Wolfgang Bosbach: (lacht) Ach, der Horst kennt mich glaube ich am Besten von allen langjährigen Freunden, und der weiß genau, dass mir die Arbeit schon etwas fehlt. Aber die zum Teil sehr lauten und heftigen Debatten, das ständige Dazwischenbrüllen im Parlament, das "Nicht-zuhören-können" - den Stil der Auseinandersetzung, den vermisse ich nicht.

 

Basti Wirtz: Sie sind seit einem Jahr raus. Es gibt vor allem gesundheitliche Gründe, warum sie nicht weitergemacht haben. Aber, das wäre doch eigentlich gerade ne Situation für Sie wie gemalt.


Wolfgang Bosbach: Sie meinen, ob es mich in den Fingern juckt? 

 

Basti Wirtz: Wie Profifußballer, die ihre Karriere beendet haben.

 

Wolfgang Bosbach: (lacht): Da haben Sie Recht, ich muss abtrainieren, ja.

 

Basti Wirtz: Also, die dann merken: "Okay, ich bin jetzt weg, in meinem alten Verein läuft's nicht." Dann zuckt es bei denen in den Beinen. Ich kann mir vorstellen, dass es bei Ihnen auch ein bisschen zuckt.

 

Wolfgang Bosbach: Also ich bin nicht der Pizarro der Politik. Respekt, gestern noch mit 40 Jahren ein Tor geschossen. Ich bin auch nicht Howard Carpendale, der mindestens 25 Abschiedstourneen hinter sich hat. Ich bin nach wie vor politisch interessiert unterwegs. Ich hab in Bayern Wahlkampf gemacht, ich hab in Hessen Wahlkampf gemacht. Auch diese Woche geht's wieder auf Tournee. Aber ein politisches Amt strebe ich nicht mehr an, die Zeit ist vorbei. Ich gehöre nicht zu denen, die glauben: Wenn ich es nicht mehr mache, dreht sich die Welt nicht mehr weiter. Ich hab wirklich meine Pflicht getan. Und ich setz mir jetzt mal neue Prioritäten. So wichtig Politik ist, es gibt Dinge, die noch wichtiger sind.

 

Basti Wirtz: Herr Bosbach, danke für das Gespräch.

 

Wolfgang Bosbach: Ich danke Ihnen! 

 

(29.10.2018)


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